Der Müll braucht ein Lied

Wirklich überraschend ist der vollkommende Mangel an Interesse seitens der Kommunikationsmittel, Politiker, öffentlichen Stellen, Werbefirmen und unserer Sänger an einem Versuch der Umkehrung dieses Images, das den Stolz und das Lebensgefühl derer, die in dieser Stadt leben, empfindlich gestört hat.

 

Bernardo Mussi

Salvador da Bahia, 3. Februar 2010

Der Müll braucht ein Lied

 

Abends am Strand Porto da Barra nach der 47. Überquerung Aquarius Fresh Mar Grande/Salvador – 17. Januar 2010. Foto: Bernardo Mussi

Abends am Strand Porto da Barra nach der 47. Überquerung Aquarius Fresh Mar Grande/Salvador – 17. Januar 2010. Foto: Bernardo Mussi

 

Kürzlich erlangte Salvador Aufmerksamkeit als die Stadt mit den schmutzigsten Stränden. Das ist nichts Neues… Wirklich überraschend ist der vollkommende Mangel an Interesse seitens der Kommunikationsmittel, Politiker, öffentlichen Stellen, Werbefirmen und unserer Sänger an einem Versuch dieses Bild zu ändern, das den Stolz und das Lebensgefühl derer, die in dieser Stadt leben, empfindlich stört.

Es ist nicht zu glauben, dass die Bahianer, die die Macht haben, unser Volk und unsere Besucher dahingehend zu beeinflussen, dass sie das Verhalten an unseren Stränden verbessern, die Karnevalszeit nicht dafür nutzen, um zumindest Aufklärungskampagnen publik zu machen. Denn was den Müll verursacht hat ist viel weniger die nachsichtige Haltung der öffentlichen Hand als der generelle Mangel an Aufklärung der Menschen.

Der Müll entsteht hauptsächlich durch den Konsum von Getränken und Speisen. Es wäre ideal, wenn alle 10 Meter am Strand entlang ein Mülleimer stehen oder wenn der Verkäufer, der diese Produkte an den Strand bringt, auch selbst die entsprechende Entsorgung vornehmen würde. Aber dass dies passiert ist unwahrscheinlich. Aus diesem Grunde sollten die Verbraucher am besten ihren Müll bei sich behalten, um ihn dann an einem angemessenen Ort zu entsorgen.  Ich bin mir sicher, dass es in der Nähe des Strandes einen Eimer oder Abfallcontainer gibt. Was jedoch nicht geht, ist dass der Müll aus reiner Bequemlichkeit oder mangelnder Aufklärung einfach am Strand gelassen wird. 

Dabei könnten uns unsere Sänger helfen. Da sie die Macht besitzen, die Massen bis zum Delirium zu bringen, bei dem sich alle am Ende küssend in den Armen liegen und ihrem Publikum exzentrische Choreographien zu entlocken, so kann ich mir auch vorstellen, dass es für sie ein leichtes Spiel ist, die Menschen dazu zu bringen, ihre Einstellung zum Müll am Strand zu ändern. Sie könnten sogar ein Lied mit markanten Refrains und mitreißenden Choreographien komponieren, nur dass es sich dabei um ein edles Anliegen, nämlich die Bildung handelt. Und das ist es, was unser Land braucht!

 

Meeresgrund am Strand Porto da Barra, am Ufer, am Morgen nach der Show “Música no Porto”. Foto: Bernardo Mussi

Meeresgrund am Strand Porto da Barra, am Ufer, am Morgen nach der Show “Música no Porto”. Foto: Bernardo Mussi

 

So sollten sich auch die Medien verhalten. Regelmäßige Artikel über die Ernsthaftigkeit des Problems veröffentlichen und die Notwendigkeit, Verhaltensweisen zu ändern, müssten bei zahlreichen Massenkommunikationsmitteln die Regel sein.

Auch unsere Werbeagenturen könnten mitmachen und das noble Anliegen dazu nutzen, die Dienstleistungen und Produkte ihrer besonders anspruchsvollen Kunden bekannt zu machen.

Selbst unsere Politiker, die Situationen dieser Art nur zu gerne dazu nutzen, um mehr Sichtbarkeit zu erlangen, könnten durch Kampangnen zur Aufklärung beitragen und an der Situationen gewinnen.

Dann gibt es noch unsere unermüdlichen Aktivisten der NGOs und alternativen Gruppen. Von denen habe ich in der Tat viele kreative und interessante Aktionen gesehen…

Allerdings kann man die Macht dieser Gruppen, das Verhalten der Menschen hier in Salvador besonders in der Karnevalszeit zu verändern, nicht mit der solcher Sänger und Gruppen wie Ivete Sangalo, Daniela Mercury, Chiclete com Banana, OLODUM und so vieler anderer vergleichen, denen die nationale und internationale Presse zu Füßen liegt.

Daher auch die große Verantwortung dieser Musikstars in Bezug auf dieses Problem. Ich glaube, dass, als echte Bahianer - und das ist sicher nicht nur eine Marketingmaßnahme –auch ihr Stolz und Selbstbewusstsein durch die Nachricht über den Müll an den Stränden verletzt ist. Denn wer ein echter Bahianer ist, der schämt sich dafür!
Es scheint so, als hätten wir alle keine Bildung und würden alles vollmüllen…

Ich bin empört! Ich habe bei meinen Tauchgängen am Strand Port da Barra fast jeden Tag Dosen, Becher, Flaschen und Grillspieße eingesammelt. Ich bin eine kleine Ameise, verletzt von der Statistik, die gegen meine Stadt und mein Volk spricht, und mache meinen Teil. Dazu gehört auch, dass ich diesen Artikel schreibe. Schade, dass ich nicht die Macht habe, die Massen mit meiner schiefen Stimme zu beeinflussen und überhaupt keinen Zugang zu den Karnevalszügen, Fernsehprogrammen, Zeitungen, Logen, großen Shows, etc. habe.

Jedoch bin ich sicher, dass im Universum so vieler einflussreicher Sänger auch solche existieren, deren Stolz als Bahianer genauso verletzt und geschmäht ist. Daher glaube ich an die Möglichkeit, dass diese Künstler  die (Möglichkeiten der) großen Massenansammlungen und Sichtbarkeit in den Medien nutzen, um diese Empörung auf eine wirkungsvolle, aufklärende und, warum nicht auch, lukrative Weise bekannt zu machen. Das wäre nur gerecht.

Es mangelt nicht an Kompetenz, Kreativität und Intelligenz bei diesen Leuten. Daher bleibt eigentlich nur noch die Frage, ob die Aktion zur Aufklärung gegen den Müll noch in dieser Saison starten wird. Vielleicht könnte man daraus sogar ein Lied machen…

 

Bernardo Mussi am Strand von Barravento. Foto: Fábio Medeiros

Bernardo Mussi am Strand von Barravento. Foto: Fábio Medeiros



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